Kapitel 60: Gelegenheit macht Diebe?

 

Das schicke hellgraue Trekkingrad samt Gepäcktasche liegt keine zwanzig Meter entfernt von mir unabgeschlossen im Sand. Die junge Frau um die Dreißig, der es gehört, läuft soeben zum Wasser hinunter und joggt nun am Strand in Richtung Steilküste davon. Ungläubig starre ich ihr hinterher und stelle fest: Sie blickt nicht ein einziges Mal zurück. Ob sie annimmt, dass ich ihre Sachen im Blick behalte?

 

Nicht zum ersten Mal beobachte ich, wie Rucksäcke oder Umhängetaschen unbeaufsichtigt am Strand zurückbleiben, während sich ihre Besitzer scheinbar völlig sorglos aufmachen zum Schwimmen, dem Besuch im Café oder eben zum Joggen. Heute Morgen erst parkte auf meinem Weg zum Strand ein Auto mit deutschem Kennzeichen mit heruntergelassener Seitenscheibe am Straßenrand. Auf der Rückbank lag eine komplette Taucherausrüstung, ein vollgepackter Rucksack direkt daneben. Von den Besitzern weit und breit keine Spur.

 

Auszeit ü50 Platz 50 plus allein reisen frau Praia da Luz Algarve Portugal Autorin Brit Gloss

 

Und ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Was ist los mit den Touristen dieser Welt, die in dieses wunderbare Land kommen und hier jegliche Vorsicht in den Wind schießen? Ja, es stimmt, Portugal ist ein Land mit einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate. Und dennoch. Wer würde sich so im eigenen Land verhalten? Noch nie davon gehört „Gelegenheit macht Diebe“?

 

Überrascht stelle ich fest, dass sich in mir ein klitzekleines bisschen kriminelle Energie regt. Denn tatsächlich wäre es so einfach: Ein, zwei Griffe täglich in die herumliegenden Rucksäcke und Strandtaschen, und meine Auszeit wäre noch vor ihrem Ende refinanziert. Womöglich ließe sich die nächste gleich mit ansparen. Da kann man schon schwach werden.

 

Luz Algarve Portugal, Auszeit ü50 50plus, allein reisen Frau Meerblick

 

Sollte ich doch ertappt werden, gäbe der gutaussehende portugiesische Richter mit graumelierten Schläfen vermutlich dem Antrag meines Pflichtverteidigers auf mildernde Umstände mit gütigem Lächeln statt. Und würde bei der Urteilsverkündigung der Gegenpartei zudem empfehlen, zukünftig ein Mindestmaß an Vorsicht unter portugiesischer Sonne walten zu lassen, um Gelegenheitsdiebe wie mir erst gar nicht in Versuchung führen. Und damit auch seine kostbare Zeit mit solch unnötigen Fällen nicht zu verschwenden. Dabei würde sein charmantes Lächeln für einen kurzen Moment einfrieren, schließlich hatte auch seine Geduld ihre Grenzen.

 

Der Richter würde mich zu zweihundert Stunden sozialer Arbeit verdonnern, die ich rein zufällig in jenem hübschen Seniorenheim am Meer absolvieren dürfte, in dem auch seine werte Frau Mutter residiert. Ich würde über die besten meiner Beutezüge ein paar knackige Kurzgeschichten schreiben und sie mir von seiner Frau Mama, die – ebenfalls rein zufällig – auch fließend Deutsch sprach – ins Portugiesische übersetzen lassen. Bei Café com Leite und Pasteis de Natas könnte ich die Geschichten dann Nachmittag für Nachmittag den älteren Herrschaften im Gartencafé des Seniorenheims vorlesen, untermalt vom Rauschen des Meeres. Der Richter käme immer sonntags auf Besuch – der guten Ordnung halber erst bei seiner Mutter. Nur um sich wenig später mit mir händchenhaltend am Strand von meinen Fortschritten der Resozialisierung zu überzeugen. Schöne Vorstellung. Ich widerstehe ihr dennoch. Obwohl ich sogar schon den Titel für mein später erscheinendes Buch hätte: „Beutezug Auszeit“. 

 

Auszeit ü50 Platz 50 plus allein reisen frau Praia da Luz Algarve Portugal Strand
Besser das eigene Gepäck im Blick behalten

 

Doch statt mich an den Sachen fremder Leute zu bedienen, schaue ich lieber einmal mehr, ob meine eigene Geldbörse und mein Handy noch bei mir sind.

 

Es gibt neben diesen beiden nur drei Dinge, die ich nicht verlieren will: meinen Laptop, auf dem sich mein Auszeit-Manuskript befindet. Ich bin nämlich zugegebenermaßen sehr nachlässig beim regelmäßigen Laden meiner Texte in die Cloud. Darüber hinaus meine Kladde mit handschriftlichen Notizen. Und nicht zuletzt meine Halskette. Ich hatte sie im vergangenen Jahr von einer guten Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen, und sie ist seit den ersten Gedanken um meine Auszeit immer bei mir.

 

Geld, Handy, Laptop, Kladde, Kette – fünf Dinge, genau das richtige Maß zwischen Aufpassen und Lockerlassen-können. Um alle anderen Sachen, die sich in meinem fünfzehn Kilo Rucksack befinden, wäre es zwar schade, wenn ich sie verlieren würde, aber letztlich wäre alles irgendwie ersetzbar.

 

Portugal Praia de Luz, Algarve Brit Gloss, Blog Alleine los, allein reisen ü50 50plus, das Gepäck ist wichtig
Ein Rucksack - doch nur fünf Sachen, die wirklich wichtig sind!

 

Mittlerweile ist die Joggerin zurück. Sie zieht das verschwitzte Shirt samt Leggins aus, ein einfarbiger Bikini kommt darunter zum Vorschein. Dann läuft sie erneut zum Wasser, taucht ein und schwimmt seelenruhig ihre Bahnen. Vielleicht will sie mir doch noch Gelegenheit geben für den großen Fang? Vielleicht ist sie auch neugierig auf den graumelierten Richter? Oder auf mein „Beutezug“-Buch?

 

Noch einmal streift mein Blick ihr schickes Trekkingrad. Damit ließe sich die Gegend sicher bestens erkunden. Und mit ein paar Euros, die sich vermutlich in ihrer Gepäcktasche befinden, wäre wahrscheinlich auch ein leckeres Mittagessen drin. Wirklich verlockend!

 

Mit Steady Mitgliedschaft Brit Gloss Alleine los Blog unterstützen

Kein Kapitel mehr verpassen - und meinen Blog unterstützen?

 

Für bereits 4 Euro im Monat erhältst du jedes neue Kapitel meines Blogs ganz bequem als Link in dein Mail-Postfach!

So verpasst du kein Kapitel und unterstützt gleichzeitig meine Arbeit für diesen Blog. Klingt gut, finde ich!

 

Bist du dabei? 

  

Hier gibt's alle Infos. 

 

Kommentare: 0