Kapitel 54: Coimbra - Seelengeplauder im Café

 

Das erste Mal findet mich ein Platz mit „Seelengeplauder“, wie ich es nenne, in Tavira bei Katja und James. Es ist eine Mischung aus Small Talk, Seelsorge und Gesprächen übers Leben. Katja und James beherrschen es perfekt. Ihre „Café Bar 22“ am Flussufer in Tavira hat gut zehn Tische, die meisten davon draußen. Der leckere Kuchen ist selbstgebacken, der Wein handverlesen, das gelbe Curry verlangt nach mehr und der Kaffee sowieso.

 

Tavira Portugal Cafe Bar 22 Auszeit ü50
Idyllisch am Fluss gelegen: die "Café Bar 22" von Katja & James

 

Katja und James sind vor zwei Jahren von Deutschland hierhergezogen, um ihren Traum vom eigenen Lokal zu verwirklichen. Wenn sie sich nicht gerade mit ihren Gästen unterhalten, backt und kocht Katja ihre Liebe in Kuchen und Currys. James hingegen greift zur Gitarre und singt mit sehnsuchtsvoller Stimme englische Popballaden. Mal sitzt er dabei auf der Fensterbank, mal auf einem der letzten freien Stühle mitten unter den Gästen, zu denen Einheimische genauso zählen wie Touristen.

 

Schon an meinem ersten Nachmittag in Tavira verströmt die „Cafe Bar 22“, die ich zufällig mit meiner Begleitung entdecke, seine unaufdringlich-eindringliche Sogwirkung. Man möchte einfach nicht gehen, und wenn, dann spätestens am nächsten Tag wiederkommen. Dieses Café ist der erste Ort, an dem mir dieses besondere Seelengeplauder begegnet. Seitdem begleitet es mich auf meiner Auszeit, und die Orte reihen sich dabei wie kleine Kostbarkeiten an einer Perlenschnur aneinander.

 

Schreiben im Café, Auszeit ü50, allein reisen Frau
Auch in Ferragudo: plaudern, schreiben und essen im Café

 

In Ferragudo ist es ein Café am Hafen. Der steinerne Buddha am Eingang verströmt Ruhe und Gelassenheit. Der Kellner mit thailändischen Wurzeln wärmt mir mit seinen dunklen Augen das Herz, mit seinen Worten die Seele und mit kulinarischen Köstlichkeiten den Magen. Ich probiere auch die Cafés und Restaurants in der Nachbarschaft aus, letztlich aber zieht es mich in diesen Tagen in Ferragudo immer wieder zu Little Buddha. 

 

Algarve Portugal Lagos Restaurant Antonio Auszeit ü50, allein reisen Frau
Ein Platz zum Bleiben: Blick aus dem Restaurant "Antonio" am Strand von Lagos

 

In Lagos, der nächsten Station meiner Reise, wächst mir das „Antonio“ ans Herz. Anfangs bin ich vor allem vom atemberaubenden Ausblick begeistert, den man vom Restaurant aus aufs Meer hat. Dann komme ich mit Carlos und den anderen Kellnern ins Gespräch, und es fühlt sich nach nicht einmal einer Stunde an, als würde ich bereits zur Familie gehören. Wir teilen Geschichte und Geschichten über Land und Leute und wechseln dabei wild zwischen Portugiesisch, Englisch und Deutsch hin und her. Immer wieder zieht es mich zu diesem herrlichen Ort, mal ins Restaurant, mal ins direkt dazugehörige Café. Das „Antonio“ ist einer der Gründe, warum ich mich entschließe, noch ein paar Tage länger in Lagos zu bleiben.

 

Lissabon Portas do Sol, Auszeit ü50, allein reisen
Seelengeplauder in Lissabon: fast direkt vor meiner Haustür - open air im Café an der Portas do Sol

 

Als ich in Lissabon ankomme, bin ich mir sicher, im Gewusel der großen Stadt keinen Platz mit Seelengeplauder finden zu können. Doch die Hauptstadt greift mir liebevoll unter die Arme: Das Café an der „Porta de Sol“ ist keine zwei Minuten von meinem Quartier entfernt. Perfekt, um meine Tage dort jeden Morgen mit einem Café com Leite und einem der leckeren Gebäckstücke zu beginnen. Dazu genieße ich die wunderbare Aussicht über die Stadt und den Tejo.

 

Das Geplauder übernehmen hier nicht die Kellner, denn im Café herrscht Selbstbedienung. Stattdessen komme ich immer wieder mit der Künstlerin ins Gespräch, die gleich nebenan ihre Bilder auf den steinernen Stufen zum Verkauf anbietet, spreche mit ihr über ihre Bilder, über Gott und die Welt und das, was wir vorhaben, heute und im Leben überhaupt.

 

Coimbra Portugal Restaurant Maria Rio Auszeit ü50, allein reisen
Langes Seelengeplauder auch in Coimbra: Restaurant "Maria Rio" in Coimbra

 

Und jetzt bin ich in Coimbra angekommen, dieser wunderbaren Stadt im Norden, gut eine Stunde mit dem Zug von Porto entfernt. Hier wird „Marias Restaurant“ mein Ort fürs Seelengeplauder, obwohl ich erst im zweiten Anlauf Glück bei ihr habe. Bei meinem ersten Versuch sind alle Tische belegt. Am darauffolgenden Tag führt mich mein Weg jedoch wie zufällig wieder bei Maria vorbei, als ich die steile Straße von der auf dem Hügel gelegenen Universität von Coimbra in Richtung Stadtzentrum hinab laufe. Draußen sind Plätze frei, und ich lasse mich dankbar an einem der Tische nieder. Die Aussicht von hier oben ist beeindruckend: auf das gegenüberliegende Flussufer, aufs Hinterland, auf den azurblauen Himmel. Ich will eigentlich nur einen Kaffee trinken, denn mein Frühstück ist noch keine zwei Stunden her. Doch dann zählt mir Maria in ihrer freundlich-zurückhaltenden Art die Angebote des Tages auf, und bei der Fischsuppe mit frischem Koriander kann und will ich nicht mehr widerstehen. Die Wahl erweist sich als richtig, denn die Suppe ist köstlich.

 

Maria erzählt mir, dass sie im Februar 2020 ihr Restaurant eröffnet hat. Keine vier Wochen später kam Corona und der Lockdown in Portugal, und sie musste schließen. Erst im Juni konnte sie wieder öffnen, es ging langsam aufwärts – bis Ende Oktober desselben Jahres erneut Schluss war, für weitere sechs Monate. Jetzt sind Maria und ihre Mutter, die ihr in der Küche hilft, erneut am Start, wie selbstverständlich, als gäbe es für sie keine andere Option. Ihre Stimme klingt, während sie ihre Geschichte erzählt, erstaunlich kraftvoll und dennoch ohne jedes Pathos. 

 

Portugal Coimbra Bahnhof, mit dem Zug durch Portugal, allein reisen ü50
Ankunft am Bahnhof in Coimbra - wieder einmal bequem mit dem Zug

 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier in Portugal diese Art von Geschichte höre, dem Traum vom eigenen Café, dem eigenen Restaurant, raus aus dem Angestelltenjob. Bis Corona in diese ersten, zarten Gehversuche hineingrätscht und alles infrage stellt. Die teils noch jungen Restaurantbesitzer hätten allen Grund, verzweifelt und wütend zu sein. Doch sie hadern nicht mit ihrem Schicksal. Vielmehr strahlen sie eine freundliche Ausdauer und Kraft aus, eine regelrechte Stehauf-Mentalität, die vermittelt: Wir haben es bis hierher geschafft, wir machen weiter, einfach weiter, Schritt für Schritt. In der Hoffnung, dass es gut wird. Keiner von ihnen will wieder in seinen alten, sicheren Angestelltenjob zurück. 

 

 

Aufenthalt in Coimbra

Coimbra Portugal Blick auf Stadt und Fluss Auszeit ü50 reisen allein
Blick auf Coimbra - liebenswerte Stadt im Norden Portugals

 

In all diesen Cafés und Restaurants mit ihrem Seelengeplauder darf ich mir alle Zeit der Welt nehmen. Kein Kellner, der mich im fünf-Minuten-Takt fragt, ob ich noch etwas bestellen möchte. Ganz gleich, ob ich nur beim Café com Leite sitze oder beim Hauptgericht samt Dessert und Wein, ich bekomme die Zeit, die ich mir wünsche.

 

Wohl auch deshalb sind diese Orte für mich der beste Platz zum Schreiben, meist unauffällig mit Stift und Zettel. Mein Laptop fühlt sich hier irgendwie fehl am Platz an. Um mich herum rauschen die Gespräche. Und ich tauche ein in meine Welt. Ich fühle mich geborgen und willkommen. Es könnte keine freudvollere Begleitung geben für die Zeilen, die aufs Papier fließen wollen.

   

Mit Steady Mitgliedschaft Brit Gloss Alleine los Blog unterstützen

Kein Kapitel mehr verpassen - und meinen Blog unterstützen?

 

Für bereits 4 Euro im Monat erhältst du jedes neue Kapitel meines Blogs ganz bequem als Link in dein Mail-Postfach!

So verpasst du kein Kapitel und unterstützt gleichzeitig meine Arbeit für diesen Blog. Klingt gut, finde ich!

 

Bist du dabei? 

 

 

Hier gibt's alle Infos. 

 

Kommentare: 0