Kapitel 49: Auf Abstand zur Hauptstadt

 

Langsam rollt der Bus der portugiesischen Busgesellschaft Rede Express über die „Ponte 25 de April“, dem Wahrzeichen Lissabons. Nach sieben Wochen habe ich die Algarve heute Morgen hinter mir gelassen und mich auf die vierstündige Busfahrt in die portugiesische Hauptstadt gemacht. 

 

Portugal Lissabon Ponte 25 de Abril Fahrt, Auszeit ü50
Würdiger Empfang in Lissabon: Fahrt über die Ponte 25 de Abril

 

Meine Gedanken gehen noch einmal zurück. Zurück nach Lagos, zu diesem herrlichen Ort, meinem Zuhause der vergangenen zwei Wochen. Es ist ein erstaunlich emotionaler Abschied von José, dem Vermieter meines Apartments. Mit ihm hatte ich vom ersten Moment an einen wunderbaren Gesprächspartner, der meinen Portugiesisch-Kenntnissen mit liebevoller Nachsichtigkeit auf die Sprünge half.

 

Zwei Mal hatte ich meinen Aufenthalt verlängert und war froh, dass mein Zimmer nicht schon belegt war. Das Haus hat noch vier weitere Apartments unterschiedlicher Größe, alle stehen derzeit leer. Normalerweise sind sie jetzt, mitten im Mai, komplett ausgebucht. Doch viele Touristen, vorwiegend aus Deutschland, Holland und England, sagen angesichts der unklaren Reisemöglichkeiten in diesem Frühjahr 2021 ab. So habe ich das Grundstück für mich allein.

 

Vergangenen Samstag war Familientag bei José: Sein Sohn, seine Schwiegertochter sowie sein Enkel kommen, es gibt fangfrischen Fisch. José hatte mich schon am Morgen gefragt, ob ich Fisch mag und stellte mir später ohne große Worte einen Teller mit hin. Portugiesische Gastfreundschaft. 

 

Fangfrisch gegrillter Fisch Portugal Auszeit ü50
Interessante Kombi - und einfach lecker!

 

Am Morgen meines Aufbruchs nun stehen wir ein letztes Mal im Garten, verabschieden uns wort- und gestenreich, und ich spüre den Druck hinter meinen Augenlidern steigen. Auch Josés Augen glänzen verdächtig. Dann drehe ich mich um und versuche an Lissabon zu denken. Daran zu denken, dass ich diejenige bin, die entschieden hat weiterzureisen. Nur mit Mühe widerstehe ich dem Impuls, mich noch einmal umzudrehen. Wieder ein Abschied. Ich tröste mich mit der Vorstellung, dass ich jederzeit hierher zurückkehren kann. Ich habe noch so viel Zeit vor mir. Doch im selben Moment weiß ich, dass das nicht passieren wird. Auch wenn es José angeboten hat. Ich könnte mich melden, jederzeit, meint er. Er würde immer einen Platz für mich finden.

 

Lagos Portugal Blick über die Marina, Cocktail auf der Dachterrasse
Abschied von Lagos - mit Blick über die Marina & Cocktail ;-)

 

Doch es zieht mich weiter. Immer noch und immer wieder. Auch wenn es gemütlich ist und sich nach einem Zuhause auf Zeit anfühlt, will ich weiter. Ich lasse immer wieder los von Vertrautem, um auszuprobieren, wie das Ankommen woanders ist. Habe ich Angst, etwas zu verpassen? Mag sein. Vor allem aber bin ich neugierig darauf, Lissabon nach fünf Jahren endlich wiederzusehen und dann weiter den Norden zu erkunden, in dem ich bislang noch gar nicht war.

 

Lissabon ist genaugenommen nur eine Zwischenstation auf meinem Weg in den nördlichen Teil des Landes. Aber eine mehr als dreimonatige Auszeit in Portugal zu verbringen, ohne einen Stopp in meiner Lieblingsstadt einzulegen, wäre mir wie Verrat vorgekommen. Auch in Lissabon kann ich so lange bleiben, wie ich will. Vorerst habe ich mir ein kleines Apartment für fünf Tage im Stadtteil Alfama gebucht, fünfundvierzig Quadratmeter auf zwei Etagen. Die Wendeltreppe dazwischen, die ich auf den Fotos entdecke, scheint genauso schmal, wie die Gassen dieses urigen Stadtteils.

 

 

Es ist früher Nachmittag, als ich ankomme. Ich stelle den Rucksack ab, greife nach meiner Sonnenbrille und ein bisschen Geld und trete vor die Tür. Ich bin das fünfte Mal in Lissabon und weiß, wie verwirrend sich das Netz aus schmalen und noch schmaleren Gassen anfühlen kann. Glücklicherweise liegt die „Portas do Sol“ nur wenige Schritte von meinem Quartier entfernt. Von dem kleinen Café unter freiem Himmel hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt und den Tejo. Ich lehne mich ans Geländer, der ideale Ort, um meiner Lieblingsstadt ein erstes „Hallo“ zu sagen.

 

Langsam blicke ich mich um. Ich weiß noch genau, wie ich damals zum ersten Mal hier stand und diese Stadt regelrecht in mich einatmete. Nun also stehe ich wieder hier, lange herbeigesehnt und doch bleibt es unerwartet still in mir. Keine Geigen im Ohr, kein Klopfen in der Brust, kein Freudentaumel in der Seele. Was ist los? Habe ich zu viel erwartet? Wieso bleibt mein Herz ausgerechnet in der Stadt meiner Träume so im ruhigen, fast gelangweilt wirkenden Gleichklang?

 

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Portas do Sol - herrlicher Platz zum Ankommen, eigentlich...

 

Ich kann es nicht glauben. Bislang war mir für Lissabon keine Fahrt zu weit, keine Stunde zu spät, um mit vor Vorfreude klopfendem Herzen auf Bahnhöfen oder Flughafen zu landen und mich direkt ins Gewimmel der Stadt zu stürzen. Heute kommt es mir so vor, als wäre ich mit der Seniorengruppe der Volkssolidarität angereist und nach der achten Städtestation etwas müde. Ich freue mich auf mein kleines Apartment und habe keine Lust auf große abendliche Ausflüge. Lissabon dreht – vielleicht angesichts meiner leicht unterkühlten Begrüßung – die kommenden beiden Tage die Temperaturen deutlich nach unten. Es ist frisch, dicke Wolken jagen über das Castello und die Tejobrücke, ab und an regnet es. Es ist das erste Mal, dass ich die Stadt bei kühlem und regnerischem Wetter erlebe. Wie passend.

 

Ich stelle fest, dass mich die Sehenswürdigkeiten der Stadt nicht reizen, ich habe sie längst alle gesehen. Am ersten Tag unternehme ich noch einen Ausflug zum Castello, gespannt auf den vertrauten Blick von hier oben über die Dächer bis hin zur Brücke und der Christus-Statue in der Ferne. Das Castello ist erschreckend leer. Noch immer gibt es viele Einreisebeschränkungen für Touristen und so tummeln sich an diesem Mittag mehr Fasane als Besucher zwischen den historischen Gemäuern. Ich weiß, dass ich beim letzten Mal die zehn Euro Eintritt fürs Castello etwas sportlich fand. Heute hingegen zahle ich den Betrag liebend gern, ahne ich doch, wie wenig Geld derzeit in die Kassen fließt, um dieses eindrucksvolle Gebäude zu unterhalten.

 

Portugal Lissabon Castelo de São Jorge, Fasan Auszeit mit 50plus
Breit machen in ganzer Schönheit

 

Als ich einen der Landschaftsgärtner nach den Toiletten frage, bekomme ich eine charmante, kostenlose Portugiesisch-Lektion. Ich gebe zu, ich fahre meine gesamten gelernten Sätze auf – und er würdigt dies ausreichend und fügt noch einige Erklärungen hinzu, welche Formulierung man wofür gebraucht. Wir haben beide unseren Spaß daran und gehen nach dieser Begegnung mit einem Lächeln auf den Lippen unserer Wege. 

 

 

Das Castello bleibt der einzige touristische Ausflug meinerseits. Stattdessen sind die kommenden Tage mehr ein Pendeln zwischen den Cafés und Kneipen der Stadt, unterbrochen von Aufenthalten an schönen Plätzen am Tejo, von denen aus ich einfach nur aufs Wasser schaue.

 

Ich könnte enttäuscht sein, dass es in Lissabon so still bleibt in mir. Ich bin es nicht. Denn ich weiß, in dieser Stadt wurde vor fünfundzwanzig Jahren die Saat für eine Sehnsucht gelegt: eine Zeitlang in dieser Stadt, in diesem Land leben zu wollen. Und jetzt, ein Viertel Jahrhundert später, erfülle ich mir genau diesen Wunsch. Ich bin dieser Stadt dankbar, dass sie damals für mich da war, auf diese wunderbare, einzigartige Weise. In diesen Tagen schenkt sie mir immerhin eine unglaubliche Flut an Kreativität und Ideen. Auch das ist neu. Wer weiß, vielleicht führen diese in gar nicht allzu langer Zeit dazu, dass ich wiederkomme. In dieses Land, um genau das zu leben: den Traum vom Schreiben.

 

Lissabon Portugal Auszeit mit ü50
Liebe auf den ersten Besuch: meine Brücke und ich - seit mehr als 25 Jahren
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