Fußball-WM 2018: Kolumne "Sdrasdwutje"

 

Achtzig Millionen und ich

(15. Juni 2018)

 

Hätten sie nicht jemanden fragen können, der sich damit auskennt? Hätten sie. Haben sie aber nicht. Sie haben mich gefragt: Ob ich Lust hätte, mit drei Kollegen die WM-Kolumne zu schreiben. Mit drei fußballversierten Kollegen, wie ich ohne nachzufragen erfahre. Ich stimme freudig zu. Mein Verstand plärrt dazwischen, ebenfalls ungefragt: „Das kannst Du nicht. Du hast keine Ahnung. Am Ende stehst Du dumm da.“ Das Herz hingegen wispert freudvoll-geschmeichelt: „Ja, ich will.“ Also bleibe ich bei meinem „Ja“.

 

Und nun stehe ich da. Insofern hat der Verstand schon mal Recht behalten. Wie das Ganze endet, wird sich zeigen. Wie bei unserer Nationalmannschaft auch.

 

Zwischen meinem Ja und dem Tag X, dem Liefertermin für meine erste Kolumne, liegt eine gefühlte Unendlichkeit. In dieser, so nehme ich mir vor, will ich dem Thema Fußball so richtig auf den Grund gehen: ein Fachbuch lesen; mich mit Experten beraten und im Freundeskreis Augen und Ohren offenhalten.

 

Letzteres geht schon mal gründlich daneben: Als ich an einem lauen Frühlingsabend in weinseliger Runde von meiner Kolumnen-Mission erzähle, ernte ich zunächst ungläubiges Staunen. Alle warten auf die Pointe. Doch ich habe keine. Und dann kann ich zusehen, wie meinen sonst stets freundlich zugewandten Nachbarn langsam aber sicher die Gesichtszüge entgleisen. Für diese Situation hat schlichtweg keiner mehr Text.

 

Und ich beginne zu überlegen, wen ich jetzt auf die Schnelle um WM-Rat fragen könnte? Welche Hotline ist denn für solche elementaren Notfälle zuständig? Bei Günther Jauch gibt’s wenigstens einen Telefonjoker. Und für mich?

 

Andererseits: Ich gucke gern Fußball. Als zehnjährige Göre habe ich sogar auf den Wiesen neben dem Plattenbau gekickt. Und überhaupt: Wir haben doch schon rund achtzig Millionen Fußball-Experten im Land. Ich finde, das genügt. Den Rest übernehme ich – aller vier Tage hier! Also ich freu mich. Vielleicht finden sich ein paar, die sich mit mir freuen – müssen ja nicht gleich achtzig Millionen sein.